Me, myself and I

Miriam Braun
New York, Sao Paulo oder Berlin - Jede Stadt hat ihre Selfies
New York, Sao Paulo oder Berlin - Jede Stadt hat ihre Selfies
(screenshot: Selfiecity)

Brust raus, Bauch rein, Duckface machen und *knips*. Selfies sind alle gleich? Von wegen. Die beliebten Selbstportraits unterscheiden sich von Metropole zu Metropole, wie ein internationales Forschungsprojekt zeigt.

In Bangkok wird mehr gelächelt als in Berlin, in Sao Paulo setzen sich Frauen gerne selbstbewusst in Szene und russische Männer sind fotoscheu. Klingt nach Klischees - scheint aber zu stimmen, zumindest wenn man das weltweite Selfie-Verhalten auf Instagram als Beurteilungsgrundlage nimmt. Ein internationales Team hat sich die beliebten, leicht narzistisch anmutenden Selbstportraits genauer angeschaut und unter dem Projektnamen „Selfiecity“ soziologisch und visuell aufbereitet.

Mit von der Partie waren Medientheoretiker und Kunsthistoriker genauso wie Wissenschaftler und Grafikdesigner aus New York, Kalifornien und Deutschland. In Kleinarbeit sind insgesamt 3200 Fotos aus fünf Städten auf drei Kontinenten ausgesucht worden – 640 pro Metropole - die in der gleichen Erhebungswoche auf Instagram gepostet wurden. Untersuchen wollte man neben den demografischen Hintergründen auch, inwieweit sich Haltung und Ausdruck der Protagonisten im globalen Vergleich unterscheiden.

„Selfies, ein Sport der Jüngeren? Allerdings!“

Mund zu!
Mund zu!

„Man meint immer, dass ein großer Anteil der geposteten Bilder auf Instagram Selfies sind“, heißt es von den Forschern. Aber nicht jedes Portrait sei wirklich selbst geschossen, sondern nur drei bis fünf Prozent der geposteten Fotos: „Weniger als oft angenommen“ - die erste Erkenntnis der Studie.

Egal, ob aus New York, Berlin, Moskau, Sao Paulo oder Bangkok – rund um den Globus sind es eher die jüngeren Smartphone-Nutzer, die Selfies schiessen. Demnach finden sich die jüngsten Narzisten in Bangkok, wo die Selfie-Gesichter im Schnitt 21 Jahre alt sind. In New York City, wo Erwachsene mit gut bezahlten Jobs noch in Wohngemeinschaften leben und sich auch Mittvierziger ungern binden, sondern lieber feiern wollen, sind auch die Selfie-Fotografen etwas älter und mit 25 über dem internationalen Durchschnitt.

In Bangkok wird gelächelt

Rund um den Globus sind es vor allem die Frauen, die diese Art der Selbstdarstellung lieben (oder brauchen). Besonders in Moskau sind fast fünfmal mehr weibliche Selfies auf Instagram als männliche. Gleichberechtigt selbstbewusst sind die Amerikaner, hier kommt auf jedes selbstfotografierte weibliche Gesicht auch ein männliches (1:1). Besonders in Sao Paulo neigen die weiblichen Selfie-Fotografen zu gewagten Posen und vermeintlich vorteilhaften Verrenkungen.

Berlin, lach doch mal!
Berlin, lach doch mal!
(source: Selfiecity)

Und dabei scheinen die brasilianischen Frauen auch glücklich zu sein. Genauso wie die Selfie-Protagonisten in Bangkok lächeln sie sehr viel mehr als ihre Erhebungsgenossen aus Berlin, Moskau oder New York. Selfiecity zufolge haben besonders die Russen am wenigsten zu lachen. Aber sind wir mal nicht zu schadenfroh: Berlin ist auf Platz Zwei der Nicht-Lächler in den Selbstportraits.

Mit Brille und offenem Mund

Eindrucksvoll aufbereitet wurden die Erkenntnisse in multimedialen Grafiken zum Selbst Herumspielen auf selfiecity.net/selfiecityexploratory. Hier können Nutzer selbst Filter setzen und sich etwa alle Fotos mit Brille, offenem Mund und guter Stimmung aus Moskau anschauen. In ausführlichen Essays werden hauptsächlich soziologische Erkenntnisse der Studie noch weiter erklärt.

Und wer weiss, vielleicht findet man sich auch selbst irgendwo in den Daten. Denn: Zugang zu den Fotos lieferte der international agierende Datensammeldienst Gnip aus Colorado. Auf Instagram teilen Nutzer ihre Fotos meist ohne Schutz vor Dritten und für jeden sichtbar. Genau das nutzt Gnip aus. „Aber natürlich entfernen wir einzelne Fotos umgehend aus der Aufbereitung, wenn das von Portraitierten gewünscht wird“, versichert Dr. Lev Manovich, Projektkoordinater von Selfiecity und Professor des Graduate Center der City University in New York auf Nachfrage von Bold Economy.

 

 

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